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GESTERN - HEUTE - MORGEN: Marko Feingold – ein Jahrhundertleben

Marko Feingold ist der älteste Holocaust-Überlebende Österreichs. Wenn man ihm gegenübersitzt, ist es kaum vorstellbar, dass der eloquente, gutaussehende und humorvolle Mann vor mehr als 104 Jahren geboren wurde und vier Konzentrationslager überlebt hat. Bei der GEA-Akademie Schrems 1 sprach er über sein ereignisreiches Leben.
Die qualvolle Verfolgung durch das NS-Regime, sowie der Umstand, dass der grösste Teil seiner Familie die Nazi-Zeit nicht überlebte, macht den Optimismus und die Lebensfreude Marko Feingolds noch bewundernswerter. Er könne viele Stunden lang erzählen, meinte der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, bevor er seinen Vortrag begann. Einige der wichtigsten Stationen seines Lebens teilte der 104-Jährige mit den rund 300 Besucherinnen und Besuchern der GEA-Akademie in Schrems: die nächtelangen Tanzabende im «Café am Graben» in der Zwischenkriegszeit, die Verfolgung durch die Nationalsozialisten und den Leidensweg durch vier Konzentrationslager, die spektakulären Fluchthilfe-Aktionen nach dem Krieg über den Gebirgspass der Krimmler Tauern zwischen Salzburg und Südtirol, sowie seine Arbeit als Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde von Salzburg.
Reise nach Italien
Marko Feingold wurde im Jahr 1913 in Banská Bystrica in der heutigen Slowakei geboren. Auf Ungarisch hiess der Ort Beztercebánya, auf Deutsch Neusohl, und er gehörte zur österreichisch-ungarischen Monarchie. Feingold wuchs mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern auf der «Mazzesinsel» im zweiten Bezirk in Wien auf. Als die Wirtschaftskrise Österreich erfasste und kaum Arbeit zu finden war, ging Feingold mit seinem älteren Bruder nach Italien und sie versuchten sich als Vertreter für Seifen und Reinigungsmittel. In Italien verdienten die beiden mit jugendlichem Verve, Verkaufstalent und Chuzpe gutes Geld und entflohen so der Armut. Der neu erworbene Wohlstand wurde im Handumdrehen in italienische Mode investiert, «damit man beim Ausgehen fesch ausschaut». Doch bald kam die schicksalhafte Wende.
Wieder in Wien
Im Februar 1938 waren die italienischen Papiere der Brüder abgelaufen und sie mussten zurück nach Wien, um sie zu erneuern. Noch war vom bevorstehenden Einmarsch der deutschen Truppen nichts zu ahnen. So blieben die beiden Brüder länger in Wien als geplant. Es gab keinen Grund, sich mit der Rückkehr nach Italien zu sputen, so Feingold: Man hatte etwas Geld verdient, die Anzüge und Frisuren sassen perfekt und das Wien der Zwischenkriegszeit bot viele Möglichkeiten, um die Nächte durchzutanzen. So zum Beispiel im «Grabentanzcafé», wo es laut Feingold erst ab Mitternacht richtig interessant wurde. Doch die ausgelassene Stimmung dauerte für die beiden Brüder nur wenige Wochen.
Verhöre und Deportation
Im März 1938 marschierten die deutschen Truppen ein. Sie wurden von vielen Österreicher·innen mit frenetischem Jubel willkommen geheissen, erinnert sich Feingold. Für die jüdische Bevölkerung folgte die brutale Verfolgung durch die Gestapo auf den Fuss. Marko und sein Bruder Ernst wurden verhaftet und gefoltert. Die Gestapo hatte es jedoch weniger auf die beiden jungen Männer abgesehen als auf den Vater, der sich bereits in der Zeit der Dollfuss-Regierung gegen illegale Nazis engagiert hatte. Der Vater konnte gewarnt werden, die beiden Brüder wurden freigelassen und setzten sich nach Prag ab. Bald darauf wurden sie als Staatenlose nach Polen abgeschoben, kehrten jedoch mit falschen Papieren nach Prag zurück und führten Sabotageakte gegen die Nazi-Besatzer durch. Nach kurzer Zeit wurden sie aufgedeckt, inhaftiert und erneut gefoltert. Dieses Mal gab es kein Entkommen mehr: Über Krakau erfolgte schliesslich im Frühjahr 1940 die Deportation ins KZ Auschwitz.
Zu diesem Zeitpunkt existierte die berüchtigte Rampe von Auschwitz noch nicht und die Zuggleise führten nicht bis ins Konzentrationslager. Das KZ Auschwitz lag wenige Kilometer von der Zugstrecke Prag – Krakau entfernt. So hielt der Zug einfach auf freiem Feld. Marko Feingold und sein Bruder sowie 450 weitere Häftlinge wurden aus den Güterwaggons getrieben und mussten die Strecke zu Fuss zurücklegen. Dieser Ort, so Feingold, sah wie ein Schlachtfeld aus, Boden und Felder waren blutgetränkt und von Leichen gesäumt.
KZ und Befreiung
Aufgrund der Sabotageakte, die Marko und Ernst Feingold in Prag durchgeführt hatten, kamen beide in eine Strafkompanie. Marko Feingold musste an der Rampe von Auschwitz arbeiten und magerte innerhalb von zweieinhalb Monaten von 55 auf nur 30 Kilogramm Körpergewicht ab. Als er erfuhr, dass sein Bruder für einen Transport in das KZ Neuengamme bei Hamburg vorgesehen war, setzte er alles daran, um nicht von ihm getrennt zu werden. Der Plan glückte. Doch in Neuengamme wurden die Brüder erneut getrennt. Erst nach dem Krieg erfuhr Marko Feingold, dass sein Bruder im Januar 1942 in der Nähe von Neuengamme vergast worden war.
Marko Feingold überlebte insgesamt vier Konzentrationslager: Nach Auschwitz und Neuengamme kam er nach Dachau und schliesslich nach Buchenwald, wo er am 11. April 1945 die Befreiung erlebte. Feingold betonte bei seinem Vortrag mit Vehemenz, dass das Lager von amerikanischen Truppen befreit wurde und nicht von den Häftlingen selbst. Unter Zeitzeugen und Historikerinnen führte die Frage der Befreiung von Buchenwald immer wieder zu Kontroversen. Kommunistische Gefangene, wie beispielsweise der Schriftsteller Jorge Semprún, vertraten lange Zeit die Auffassung, dass eine Häftlingsrevolte den KZ-Terror beendet habe.
Feingold strandete nach der Befreiung, wie viele andere Displaced Persons (DP), in Salzburg, wo er ursprünglich gar nicht hin wollte. Jüdische KZ-Überlebende aus Wien sahen sich mit der abstrusen Situation konfrontiert, nicht nach Hause zurückkehren zu können, da sie an der Grenze der amerikanisch-russischen Besatzungszone an der Enns «auf Order von Wien» nicht durchgelassen wurden. Feingold betonte, dass diese antisemtische Politik unter anderem Karl Renner anzulasten sei, der damals der provisorischen Regierung als Bundespräsident vorsass. 
Fluchthilfe und Bildungsarbeit
Selbst der sozialdemokratischen Führung war nach dem Krieg nichts daran gelegen, so Feingold, jüdische Überlebende willkommen zu heissen, geschweige denn Reparationszahlungen zu leisten oder die so genannten Arisierungen ihres Vermögens rückgängig zu machen. Ein grosser Teil der Überlebenden entschloss sich deshalb, nicht zurückzukehren, sondern auszuwandern. Viele zog es nach Palästina – doch auch dorthin war der Weg versperrt: Der Staat Israel existierte noch nicht, und die britischen Besatzungsbehörden wollten verhindern, dass jüdische Holocaust-Überlebende in das damals noch britische Mandatsgebiet Palästina kamen.
So schmiedete Feingold gemeinsam mit der jüdischen Hilfsorganisation Brichah (hebräisch für «Flucht») wagemutige Pläne: Über einen nur 10 Kilometer breiten Korridor in den Krimmler Tauern, den nicht die britischen, sondern die amerikanischen Besatzungstruppen kontrollierten, wurden tausende Menschen nach Italien geschleust. Von dort organisierte die Brichah Schiffe, welche die Flüchtlinge nach Haifa brachten. Aufgrund seines aussergewöhnlichen Organisationstalents und der Italienischkenntnisse, die er sich vor dem Krieg angeeignet hatte, war Marko Feingold massgeblich an dieser wichtigen Fluchthilfeaktion beteiligt.
Marko Feingold liess sich in Salzburg nieder, gründete ein Modegeschäft und wurde im Jahr 1977 Vizepräsident und bald darauf Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde der Stadt. Auch im hohen Alter von 104 Jahren hält Feingold Vorträge als Zeitzeuge und mahnt, dass es unser aller Aufgabe sei, Demokratie mit Leben zu füllen und gegen Rassismus und Ausgrenzung aufzustehen. Dabei ist er vor allem ein Mutmacher: Sein Humor, seine Leichtigkeit und seine unermüdliche Lebensenergie entfachten in Schrems bei Jung und Alt die Lust, tagtäglich mit Zivilcourage durchs Leben zu gehen.

1. GEA ist eine selbstverwaltete Schuhwerkstatt in Schrems im Waldviertel (Niederösterreich) mit etlichen sozialen Initiativen und einem Seminarhaus für verschiedenste Kurse, Vorträge und Veranstaltungen.

 

verfasst von Alexander Behr, FCE-Österreich,  28.11.2017, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 264 (11/2017)
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