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MEXIKO: Saatgut der Freiheit in Lateinamerika

Mexiko ist ein Land der Extreme. Viele Menschen müssen dieses Land verlassen, um Not und Verfolgung zu entgehen. Doch trotz dieser ausgesprochen schwierigen politischen Situation entstehen hier Bewegungen, die in die Zukunft schauen. So fand das weltweite Treffen der Samenhüter_innen Ende November 2016 in Xochimilco, Mexico-City, statt.
«Um den Mais in seiner Integrität zu verteidigen, bleibt uns als einzige Option, die Wiedereinführung in sein ursprüngliches Ökosystem zu unterstützen und so für seine Wiederentwicklung zu kämpfen, damit er erneut seine Dynamik entfalten kann, die seine Diversität während Jahrhunderten erhalten hat. Keiner dieser Prozesse ist möglich ohne die permanente Begleitung durch die indigenen Völker und die Bäuerinnen und Bauern, die am Anfang dieser Entwicklung standen.» Red de semillas libres de Colombia (Netzwerk des freien Saatguts Kolumbiens).
Wir waren zu diesem Treffen in Mexiko eingeladen worden, um unsere DVD-Filmkollektion «Saatgut ist Gemeingut, eine Anleitung zur Samengärtnerei»1, vorzustellen, die schon bald auch auf Spanisch und Portugiesisch erhältlich sein wird. Die Samen-hüter_innen kamen von überall her, aus Mexiko, Guatemala, Costa Rica, Kolumbien, Argentinien, Brasilien, Peru, den Vereinigten Staaten und aus Chile mit seinen indigenen Gemeinschaften der Mapuche. Wir begegneten uns alle vom 26. November bis zum 1. Dezember 2016 in Xochimilco, Mexico-Stadt.
Mexiko und seine Chinampas
Vor 1‘000 Jahren war Mexiko noch keine Stadt mit 25 Millionen Einwohner_innen, sondern ein grosser See, umgeben von 2‘000 Meter hohen Bergen. Die ersten indigenen Völker installierten sich an den Ufern des Sees und bauten Inseln mit den fruchtbaren Ablagerungen auf dem Seegrund, um so ihre Nahrungsmittel anzubauen. Diese Inseln sind aufgeteilt durch schmale Kanäle, durch die sie fortwährend bewässert werden. Heute bleibt nur noch ein ganz kleiner Teil dieses Sees, Xochimilco. Die Inseln mit ihrem unermesslichen historischen, kulturellen und landwirtschaftlichen Reichtum nennen sich «Chinampas», was in Nahuatl «Hecke» bedeutet. Sie sind heute von der Unesco als Weltkulturerbe eingeschrieben. Aber sie werden leider nicht mehr erhalten und sind vom endgültigen Verschwinden bedroht. Sie werden nach und nach von den Kanälen ausgewaschen, andere dienen dem Ökotourismus und sind ebenfalls bedroht, weil sie nicht mehr bearbeitet werden. Nur einige Bäuerinnen und Bauern leisten Widerstand und pflegen diese paradiesischen Böden weiterhin, indem sie Blumen und Gemüse anbauen.
Auf einer dieser Chinampas fand das Eröffnungszeremoniell des Fünften Treffens der «Red Semillas de Libertad de America» (RSLA, Amerikanisches Netzwerk des Saatguts der Freiheit) statt. Bekleidet in traditionellen Kostümen, mit Blumen, Flöten, kleinen Trommeln und Kopalen empfingen uns die Peruaner_innen für diese Zeremonie in ihrer Sprache, dem Ketschua: «In unserer unendlichen Unwissenheit öffnen wir unsere Herzen, danken wir der Mutter Erde und legen unsere Fotoapparate weg, die Götter brauchen sie nicht.»
Inmitten des grossen Lärms aus der Ferne der so nahen Stadt war Vogelgezwitscher zu hören. 200 Personen versammelten sich, um über aktuelle Probleme und mögliche Lösungsansätze zu diskutieren. Wir unterhielten uns über die grossen Bedrohungen, die einerseits von den multinationalen Konzernen und andererseits vom fehlenden Problembewusstsein eines Grossteils der Bevölkerung ausgehen.
Das Netzwerk der Samenhüter_innen
Das «Amerikanische Netzwerk des Saatguts der Freiheit» hat folgende Ziele: Durch freies Saatgut die bäuerliche Agroökologie zu fördern, ohne Patente, genveränderte Organismen (GVO) und Pestizide; auf lokaler und kontinentaler Ebene Dynamiken zu fördern (zum Beispiel sind dank der Treffen in Mexiko und Chile zwei nationale Netzwerke von Samen-hüter_innen entstanden). Es geht darum, auf lokaler Ebene der Arbeit in den indigenen Gemeinschaften neue Impulse zu geben und die Erfahrungen, Initiativen und Fortschritte in jedem der lokalen Netzwerke zu teilen, welche sich um die Produktion, Erhaltung, Aufbewahrung, Verteilung, Kommerzialisierung und Errichtung von Samenbanken kümmern. Andererseits ermöglicht das «Amerikanische Netzwerk» Begegnungen, den Austausch von Techniken für die Saatgutproduktion und natürlich auch von Saatgut. Wir beteiligten uns während zwei Tagen an dem offenen Treffen auf den Chinampas und anschliessend vier Tage lang an den internen Diskussionen mit den Vertreter_innen der verschiedenen Netzwerke. Diese Samen-hüter_innen, vor allem traditionelle Bäuerinnen und Bauern in entfernten, isolierten Gegenden (um die Samenverunreinigung zu vermeiden) arbeiten tagtäglich für die Wiedereinführung und den Schutz des Saatguts, indem sie dieses aussähen und verteilen. Cecilia zum Beispiel ist emblematisch für das Netzwerk in Chile: Sie ist eine Medizinfrau der Mapuche, bearbeitet den Boden, engagiert sich sehr für ihre Gemeinschaft und wohnt allen Zeremonien bei, die eine Ernte, einen Saatguttausch oder einen Markt begleiten. Claudio ist Argentinier, von bäuerlicher Herkunft und heute Produzent und Forscher. Er sät aus, verbessert, selektioniert und verteilt sein Saatgut. Er arbeitet auch am Prozess der Deshybridisierung von Mais und hat bereits ermutigende Resultate erzielt.
Die Gesetze kennen
Die Hüter_innen beanspruchen ihre Zugehörigkeit zur «Milpa», einer althergebrachten Anbauweise, bei der Mais, Bohnen und Kürbis zusammen gedeihen, um sich gegenseitig zu helfen und zu stärken. Nach diesem Vorbild wird gegenseitige Hilfe grossgeschrieben: Das Netzwerk besteht aus Freiwilligen (Landwirt_innen, Vereinigungen, Professor_innen), die horizontal zusammenarbeiten. Sie erarbeiten gemeinsame Strategien, um zum Beispiel zu versuchen, finanziell autonom zu werden und so nicht mehr von öffentlichen Subventionen abhängig zu sein. Sie sind auch mit Jurist_innen in Verbindung, um so die Entwicklung der Gesetze besser verfolgen zu können. Es ist sehr wichtig, sich über die Gesetzgebung zu informieren, denn in jedem Land ist diese verschieden. Einige Länder sind von Gentech-Pflanzen überschwemmt, andere haben diese verboten. In jedem Land organisieren sich die Gruppen, um sich bestmöglichst vor den negativen Gesetzesänderungen, die das Saatgut betreffen, zu wehren.
Agustin, ein Saatgutproduzent aus Aguascalientes, erklärte uns, dass in Mexiko das «Allgemeine Gesetz für ein ökologisches Gleichgewicht» vorschreibt, dass alleine die Rechtssubjekte sich verteidigen können, also z.B. die Menschen. Tiere und Pflanzen werden nicht als solche erachtet. Aber sie können als natürliche Ressourcen, die unabdingbar zum Kulturerbe Mexikos gehören, von von den Bürger_innen legal verteidigt werden. In diesem Sinne versammelten sich 53 Menschen Anfang Januar 2013, um über die Bedrohung des Mais zu beratschlagen. Sie wollten die gefährlichen Wirkungen des Genmais, der alle anderen verseucht, denunzieren. Sie verlangten ein Verbot von GVO-Kulturen. Der Gerichtshof suspendierte die Anbaubewilligung von Genmais für die Zeit der gerichtlichen Verhandlungen, obwohl multinationale Konzerne wie Monsanto Einspruch erhoben. Nach drei Jahren Verhandlungen gewann «die kollektive Forderung» den Prozess. Heute erkennt der Staat an: Es gibt keine Beweise, dass Genmais nicht gesundheitsschädigend ist, hingegen ist es erwiesen, dass das Gensaatgut kein besseres Resultat bringt, und dass zwischen Genmais und alten Sorten eine Hybridisierung stattfindet. Trotzdem importiert Mexiko weiterhin Genmais aus den USA.
«Es ist unmöglich zu verhindern, dass Produzenten, die ihr Saatgut verloren haben, Samen von genveränderten Pflanzen verwenden, und wir vermuten, dass der Bundesstaat Oaxaca und auch andere auf diese Weise verseucht wurden», sagt Antonio Turrent der UCCS (Nationale Union von gesellschaftlich engagierten Wissenschaftlern). Im Frühjahr 2017 wird die erste Zusammenkunft des mexikanischen Netzwerks stattfinden, das während diesem Treffen gegründet wurde. Wir wünschen ihm ein langes Leben und danken Allen für ihren herzlichen Empfang.

Für mehr Informationen über das Netzwerk «Saatgut der Freiheit»:

www.semillasdelibertad.net

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 258 (04/2017)

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