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SPANIEN: Biosol vor Gericht

Die industrielle Landwirtschaft in Almeria funktioniert dank der Ausbeutung von Migrant_innen, die sich in Europa in einer prekären Situation befinden. Der Kampf der Angestellten von Biosol Portocarrero verweist auf das gespannte soziale Klima an Ort und Stelle.
Biosol ist eine landwirtschaftliche Firma mit einigen hundert Angestellten in der Produktion, der Verpackung und Kommerzialisierung von biologischem Obst und Gemüse. Ein vierjähriger Kampf der marokkanischen Landarbeiterinnen gegen ungerechtfertigte Entlassungen führte im Juli 2012 zu einem Abkommen zwischen Biosol und der Gewerkschaft SOC-SAT 1. Die Arbeitsbedingungen sollten so verbessert und die Gewerkschaftsrechte mehr respektiert werden. Biosol akzeptierte damals die Verhandlungen nach Protesten von Konsument_innen aus ganz Europa und auf Druck von einigen Supermarktketten und Organisationen für die Biokontrolle. Trotz der Unterzeichnung des Abkommens konnte sich Biosol nie mit der Idee anfreunden, im eigenen Betrieb die Existenz einer Gewerkschaft zuzulassen. Im Juli 2014 entliess das Unternehmen fünf Festangestellte, alles Gewerkschaftsmitglieder, darunter auch die Gewerkschaftsdelegierte. Biosol fühlte sich durch die Erklärungen von diesen Frauen geschädigt, die auf dem Fernsehsender Arte im Film «Bioillusion» ausgestrahlt wurden. Die Firma negierte hiermit das Recht auf freie Meinungsäusserung und gewerkschaftliche Organisation.
Baldiger Prozess
Dank der Vermittlung von den Organisationen zur Zertifizierung in biologischer Landwirtschaft in Andalusien, Bio Suisse und Ecovalia, erklärte sich Biosol damit einverstanden, mit der SOC-SAT Verhandlungen aufzunehmen. Das Unternehmen schlug den entlassenen Frauen grössere finanzielle Abfindungen vor, als sie je in gerichtlichen Verfahren erhalten könnten, und eine prekäre Neueinstellung in einem anderen Betrieb. Eine Wiedereinstellung lehnten sie jedoch kategorisch ab. Biosol ging auch nicht auf den Vorschlag von Bio Suisse ein, die Entlassungen durch reglementierte Sanktionen zu ersetzen. Die Frauen – solidarisch untereinander – blieben bei ihrer Forderung, dass alle wieder eingestellt werden sollten und erhoben Klage wegen ungerechtfertigter Entlassung. Der erste Gerichtstermin ist auf den 10. Juli 2015 angesetzt. Das EBF sucht Personen, die bereit sind, als internationale Beobachter_innen am Prozess teilzunehmen.2
Bio Suisse hat Biosol nun das Label «die Knospe» für zwei Jahre entzogen und so den Verkauf der Produkte in den Supermärkten von COOP in der Schweiz verhindert. Auf anderen Märkten können diese Produkte jedoch weiterhin verkauft werden. Das Unternehmen ist sich der Gefahr bewusst, die ein solcher Präzedenzfall schafft.
Seit zehn Monaten sind diese fünf Frauen nun arbeitslos. Dank Arbeitslosenunterstützung und Hilfe von Familie und Gewerkschaft konnten sie sich durchschlagen. Sie müssen aber Mobbing und Missgunst ertragen und werden von den anderen Angestellten marginalisiert. Sie finden auch keine neue Stellung in der Gegend: Sie sind auf einer schwarzen Liste der Unternehmer der Region gelandet. Am 7. Mai erklärte eine der Frauen: «Wir wollen kein Geld von ihnen, wir kämpfen für unsere Arbeit und gegen das Unrecht, das uns widerfahren ist.».
Trotz der korrekten Haltung von Bio Suisse positionierten sich die anderen Zertifizierungsorganisationen nicht. Biosol kann weiterhin seine Produkte mit Biolabel in ganz Europa verkaufen. Die Firma stellt nun neue Arbeiterinnen unter prekären Bedingungen an, was die gewerkschaftliche Arbeit dort äusserst schwierig macht. Seit den Entlassungen bei Biosol ist die dortige Gewerkschafts-Sektion lahm gelegt.
Neue Energie
Am Sonntag, den 26. April 2015, wählten über hundert Vertreter_in-nen der «Andalusischen Gewerkschaft der Arbeiter_innen SOC-SAT Almeria» die neue Direktion der Gewerkschaft in dieser Provinz. Spitou Mendy aus Senegal wurde zum Sprecher auserkoren, Abdelkader Chacha, vorher marok-kanischer Gewerkschafter in El Ejido, wie auch die Verantwortlichen des Anwaltbüros Laura Góngora Pérez et Marga Mora sind Mitglieder der neuen Direktion. Eine Frau und zwei Männer, die in der öffentlichen Verwaltung im Gesundheits- und Dienstleistungs-bereich arbeiten, María Griménez, Gaspar Cañizares, Delegierter des Spitals von El Ejido, und Sergio Garcia vervollständigen die neue Equipe. Die meisten der Gewählten arbeiten schon seit Jahren mit dem EBF auf einer guten Vertrauensbasis zusammen.
Die SOC-SAT von Almeria löste somit einen seit 18 Monaten schwelenden internen Konflikt und kann sich nun neuen Aufgaben in einer entspannteren Atmosphäre zuwenden. Diego Cañamero, Generalsekretär der andalusischen Gewerkschaft, und Marie Garcia Bueno, Abgeordnete des neu gewählten Parlaments von Andalusien, kamen zur Unterstützung der neuen Direktion nach Almeria. Andere Organisationen und soziale oder politische Vereinigungen waren aus Solidarität mit dem SOC-SAT Almeria ebenfalls anwesend. Der Kampf für die Rechte der von Biosol entlassenen Frauen bleibt eine der Prioritäten des gewerkschaftlichen Kampfes. Wenige Wochen nach dieser Versammlung konnte die Gewerkschaft die Zerstörung der Hütten von Migrant_innen in Tierras de Almeria (El Ejido) dank der Mobilisierung von Medien erfolgreich stoppen. Sie unterstützte andere Arbeiter_innen, denen ihre Wohnung, im Besitz einer lokalen Bank, gekündigt wurde. Die Gewerkschafter_innen organisierten auch vermehrt Kontakte mit Migrant_innenorgani-sationen und der Plattform für Recht und soziale Gerechtigkeit und anderen regionalen Kollektiven. Kontrollvisiten in Plastiktunnels und Begegnungen mit Landarbeiter_innen werden regelmässig durchgeführt. Die SOC-SAT beteiligt sich ebenfalls aktiv am Alarmtelefon Watch the Med für Bootsflüchtlinge im Mittelmeer. Ihr Anwalt beteiligte sich am Empfang von Flüchtlingen, die bei Almeria strandeten.

1. Die reine Landarbeiter_innen-Gewerkschaft SOC aus Andalusien hat sich in den letzten Jahren für Arbeiter_innen aus anderen Bereichen der Wirtschaft (Verpackungsbetriebe, Bau etc.) geöffnet und nennt sich seither SOC-SAT.
2. Kontaktadresse für die Prozessbeobachtung: ch(a)forumcivique.org

 

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 238 (06/2015)

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Oktober 2017


Okt 2017
24
20:15
Buchlesung in St.Gallen mit Emmanuel Mbolela

MEIN WEG VOM KONGO NACH EUROPA
Zwischen Widerstand, Flucht und Exil; mit dem Autor Emmanuel Mbolela
St.Gallen, Palace, Zwinglistr. 3, Lesung in französischer Sprache mit deutscher Übersetzung
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