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KOLUMBIEN: Krieg oder Frieden?

Cynthia ist Kolumbianerin. Sie hat gemeinsam mit ihrem Partner ein landwirtschaftliches Projekt im Süden Kolumbiens aufgebaut und ist Mitglied des Saatgutnetzwerkes «Wächter_innen der Samen des Lebens“, das wir bereits im Archipel vorstellten1. Als sie uns Ende Juni in Frankreich besuchte, fragten wir sie, wie sie die Situation in Kolumbien nach dem Friedensabkommen sieht.
Wenn ich in Europa erzähle, dass ich aus Kolumbien komme, haben Menschen, die nur wenig über das Land wissen, zwei Bilder im Kopf: Gewalt und Drogen. Sie fragen sofort, ob es nicht sehr gefährlich ist, in diesem Land zu leben. Besser informierte Menschen stellen mir Fragen über den aktuellen Friedensprozess und äussern ihre Hoffnung, dass die Gewalt endlich ein Ende nimmt. Das Land lebt seit den 40er Jahren in einem offenen inneren Krieg, in dem verschiedene Guerillabewegungen entstanden sind, um gegen den Landraub durch Grossgrundbesitzer zu kämpfen. In diesem Artikel werde ich anhand einiger Zahlen versuchen, die aktuelle Situation zu beschreiben und verständlich zu machen, komme aber zu mehr Fragen als zu Antworten.
Wie gefährlich ist es, in Kolumbien zu leben?
Es hängt davon ab, was man tut. Kolumbien hat zurzeit 46 Millionen Einwohner. Im Jahr 2014 gab es nach offiziellen Angaben 13'343 Morde, im Jahr 2015 wurden 12‘193 und 2016 «nur mehr» 11'585 Morde registriert. Daraus kann man schliessen, dass die Wahrscheinlichkeit, nicht ermordet zu werden, heute grösser ist.
Dennoch herrscht viel Gewalt in Kolumbien. 11'343 Morde in einem Jahr (32 täglich) ist viel. Ohne weitergehende Analyse werden sie offiziell zurückgeführt auf die Gewalt in den Städten,  auf den Rauschgifthandel, auf Armut und den leichten Zugang zu Waffen. Vor dem Friedensprozess wurde die Gewalt der Guerillabewegung FARC2 zugeordnet. Jetzt, seit dem Waffenstillstand und der Unterzeichnung eines Friedensabkommens, gibt es immer noch sehr viele Tote. Mit Befremden stellen wir also fest, was wir vorher bereits wussten, aber niemand zu sagen wagte: Die Gewalt in Kolumbien ist nicht hauptsächlich die Verantwortung der FARC.
Das Jahr 2016 wurde als das Jahr des Friedens in Kolumbien bezeichnet, weil ein Friedensabkommen zwischen der Regierung des Präsidenten Manuel Santos und der FARC unterzeichnet wurde, der ältesten und grössten Guerillabewegung in Lateinamerika. Manuel Santos erhielt noch im gleichen Jahr den Friedensnobelpreis.
Hat die Gewalt in Kolumbien durch den Friedensprozess abgenommen?
Die Antwort auf diese Frage ist wiederum sehr differenziert. Die Anzahl der Toten auf Grund von bewaffneten Kämpfen, die nicht als Morde bezeichnet werden, ist zurückgegangen. Aber wir stellen fest, dass die «selektiven» Morde an Aktivist_innen im sozialen Bereich und an Verteidiger_innen von Menschenrechten zugenommen haben: 2014 waren es 78; 2015 waren es 105 und 2016 bereits 116. Dieses Jahr gibt es allein bis April schon 42 Tote.
Die sozialen Bewegungen brachten in diesem Monat Juni über 500 Drohungen, 33 fehlgeschlagene Anschläge und das Verschwinden von 5 Personen beim Oberstaatsanwalt zur Anzeige. Der grösste Teil davon, 70 Prozent, ereignete sich in ländlichen Gebieten.
Diese Morde an Aktivist_innen sind umso schwerwiegender, als sie keine isolierten Einzelfälle sind, sondern systematisch gegen soziale Bewegungen gerichtet sind. Das Ziel dieser Morde ist zweifach: Sie sollen aktive Menschen töten und die Bewegungen einschüchtern, die gegen extraktivistische Grossprojekte, Korruption oder politische Prozesse protestieren. Die offizielle Erklärung der «Defensoria del Pueblo» 3 lautet: «Die Verbrechen finden in den Regionen statt, die von der FARC-Guerilla verlassen wurden. Diese Gebiete werden heute nach und nach von der «autodefensas gaitanistas»4, der ELN 5 oder von anderen irregulären Gruppen besetzt, die sich durch Drogenhandel und andere illegale Geschäfte finanzieren».
In den öffentlichen Medien werden die paramilitärischen Gruppen nicht mehr erwähnt, da diese von Ex-Präsident Alvaro Uribe im Jahr 2016 offiziell aufgelöst wurden.
In dem «Friedensabkommen», das genauer gesagt der «Post-Konflikt» genannt wird, ist einer der vereinbarten Punkte, dass in Kolumbien niemand mehr umgebracht werden soll, weil er seine politischen Ansichten verteidigt. Was wir aber feststellen, ist, dass die Gefahr, einem Anschlag zum Opfer zu fallen, gefährlich steigt, sobald sich jemand für Gerechtigkeit, für die Umwelt, die Erhaltung ländlicher Strukturen oder gegen die Korruption einsetzt. Aus welchem Grund sind die Zahlen angestiegen, seitdem der Friedensprozess begonnen hat? Sollte es  nicht eigentlich das Gegenteil sein?
Die internen Flüchtlinge
Um das zu verstehen, schauen wir uns andere Zahlen an, die wenig beachtete werden, obwohl sie in diesem Zusammenhang eine grössere Aufmerksamkeit verdienen: Die gewaltsame Vertreibung der Bevölkerung von ihrem Land ist dramatisch angestiegen. Im Juni 2016 erklärte die UNO Kolumbien zum Land mit der grössten Anzahl an Binnenmigrant_innen, die auf 6,9 Millionen geschätzt wird. Danach folgen Syrien mit 6,6 Millionen und der Irak mit 4,4 Millionen. Seit dem Jahr 2013, in dem in Kolumbien 5,3 Millionen Vertriebene gezählt wurden, kamen eine Million dazu, wodurch Kolumbien in dieser Frage Syrien überholt hat.
Allein im Jahr 2016 wurden 11‘000 Binnenflüchtlinge mehr registriert und in den ersten drei Monaten von 2017 waren es bereits 3‘500, hauptsächlich aus der pazifischen Küstenregion. Wie ist das trotz des Friedensabkommens erklärbar, wo doch das Ziel der Guerilla genau darin bestanden hatte, die Bauern und die ländlichen Strukturen zu verteidigen und eine Landreform zu fordern und die Regierung ihr die Fortführung dieser Politik garantiert hat?
Die Binnenvertriebenen haben 10 Millionen Hektar Land zurückgelassen. Die Antwort auf die Frage, wer für die Vertreibungen verantwortlich ist, liegt auf der Hand: Es sind diejenigen, die das Land heute nutzen. Auf diesen Landflächen gibt es heute drei Spielarten von Projekten grosser Unternehmen: Es handelt sich um den Anbau von Ölpalmen, um Bergwerke für den Abbau von Gold oder Kohle und um Stützpunkte für die Produktion und Versorgung mit Kokain. Diese Projekte sind die Ursache für Morde an Menschen, die sich dagegen wehren, und verursachen Krankheiten bei denjenigen, die unter ihnen leiden. Das klarste Beispiel dafür ist die Mine von Cerejon in der Guajira, wo 106 Kinder der indigenen Gemeinschaft der Wayuu zwischen 2015 und 2016 an Unterernährung gestorben sind. Ursache dafür ist, dass die Flüsse für die Produktion von Kohle umgeleitet wurden und diese Gemeinschaft kein Wasser mehr hatte, um Landwirtschaft und Fischzucht zu betreiben, und so ihre Ernährungsgrundlage verloren hat.
Hier tauchen mehrere Fragen auf: Was ist das Interesse der multinationalen Konzerne an dem Friedensprozess, der trotz zahlreicher Hürden zu Ende geführt wurde? Was ist die Verantwortung der Unternehmen, die sich auf dem Land niedergelassen haben, das durch die Vertreibung der Bevölkerung frei wurde? In dem Abkommen wird von der «Rückgabe des Landes an Vertriebene» gesprochen. Warum geht es dabei immer um brachliegendes Land und nie um das ursprüngliche Land der Vertriebenen? Weshalb werden die Unternehmen, die sich darauf eingerichtet haben, nie für die gewaltsame Vertreibung zur Rechenschaft gezogen? Warum wird die kolumbianische Armee – mit den Steuern der Kolumbianer_innen finanziert –  für den Schutz privater Unternehmen eingesetzt? Laut einer Untersuchung der NGO «CINEP»6 spielen bei den Landvertreibungen Staatsorgane, Unternehmen oder ihre Strohmänner und verschiedene bewaffnete Gruppen zusammen!
Sieht so Frieden aus?
In den letzten Monaten gab es zahlreiche Proteste und Streiks in der Bevölkerung an der Pazifischen Küste. Grund dafür sind die gewaltsamen Vertreibungen und Morde sowie die völlige Abwesenheit des Staates zum Schutz der Bevölkerung und gegen die Ungerechtigkeit. Im ganzen Land haben die Lehrer_innen öffentlicher Schulen beinahe einen Monat lang gestreikt, um gegen die fehlenden Investitionen im Bildungsbereich zu protestieren. Auch die Studierenden und die Transporteure  haben gestreikt. Die Bauern und Bäuerinnen haben angekündigt, dass sie die Strassen blockieren werden und Streiks vorbereiten. In allen Fällen hat die Regierung sehr gewaltsam und repressiv reagiert. Im kolumbianischen Fernsehen wird die Gewalt gegen Demonstrierende gezeigt – jedoch in dem «undemokratischen» Venezuela! Ich kann es nicht fassen, dass nur über Venezuela berichtet wird; kaum ein Wort über die Ereignisse auf den Strassen Kolumbiens.
Wir haben von einem Friedensprozess geträumt, der das Budget für die Kriegsführung senken und für die Gesundheit und Bildung erhöhen würde. Der Verteidigungshaushalt wurde aber 2017 um 3 Prozent erhöht und ist der viertgrösste auf dem amerikanischen Kontinent, nach den USA, Kanada und Brasilien. Der Haushalt für soziale Ausgaben wurde trotz des Friedensabkommens gesenkt.
Das «Netzwerk Wächter_innen der Samen des Lebens»7
Zurzeit ist unser Engagement für Saatgut nicht der wichtigste Anlass für Gewalt. Dennoch sind alle sozialen Kämpfe miteinander verknüpft. Viele Mitglieder unseres und anderer Netzwerke zum Schutz der indigenen Sorten und für die Ernährungssouveränität engagieren sich auch für die Erhaltung der bäuerlichen Strukturen (für den Schutz der Wasserreserven, gegen den Extraktivismus, für das Recht der Vertriebenen auf ihr eigenes Land). Gute Freundinnen und Freunde wurden umgebracht, andere werden bedroht oder sind im Gefängnis, weil sie sich an der Mobilisierung zu sozialen Protesten beteiligt haben.
Unsere Aktivitäten für die Produktion, die Verbreitung und den Schutz indigener Kulturpflanzen gehen weiter. Auch unsere Bildungsarbeit und der Kampf gegen GVO-Pflanzen gehen weiter. Es besteht immer mehr Interesse an diesen Fragen und unser Netzwerk wächst. Aber die angespannte Stimmung bringt neue Schwierigkeiten und ein Unbehagen mit sich. Wir warten ab, bis die verschiedenen Teile dieser neuen Realität ihren Platz gefunden haben, in dem anhaltenden Schachspiel, das der Krieg in Kolumbien zu sein scheint.


1. Siehe Archipel Nr. 250
2. FARC: Bewaffnete revolutionäre Kraft Kolumbiens, bedeutendste Guerilla in Kolumbien
3. Defensoria del Pueblo:
Regierungsinstitution, beauftragt mit der Verteidigung der Menschenrechte in Kolumbien
4. «Gaitanistische Selbstverteidigung“, eine paramilitärischen Gruppe
5. «Nationale Befreiungsarmee», eine weitere Guerillabewegung
6. CINEP: Kolumbianische NGO, Zentrum für Forschung und Volksbildung
7. RGSV: Red de Guardianes de Semillas de Vida

Mehr Informationen und Kontakt unter www.lospiesenlatierra.org

 

Rédigé par Cynthia Osorio Ökonomin in Umweltfragen, 06.08.2017, recrutés par ute
Thème Nah & Fern im Archipel 261 (07/2017)
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 261 (07/2017)

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