IRAN: Leben und Würde

von EZLN und EBF, 10.03.2026, Veröffentlicht in Archipel 356

Erklärung für das Leben und die Würde des iranischen Volkes[1]. Wir erleben einen Sturm. Er ist weder neu noch vorübergehend. Es ist der Sturm des Kapitalismus, des Imperialismus, des Patriarchats und der Staaten, die den Tod verwalten und dabei von Ordnung, Stabilität oder Sicherheit sprechen. In diesem Sturm streiten sich die da oben um Territorien, Ressourcen und Macht; die da unten setzen ihre Körper, ihr Leben, ihre Ängste und ihre Hoffnungen ein.

Im Iran wütet dieser Sturm heute mit besonderer Heftigkeit. Das iranische Volk hat sich erneut gegen das Regime der Islamischen Republik mobilisiert, das nicht gezögert hat, gewaltsam gegen diejenigen vorzugehen, die auf die Strasse gehen. Die Mobilisierungen sind weder ein Einzelfall noch eine momentane Reaktion: Sie sind das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Unterdrückung, wirtschaftlicher Ausbeutung, patriarchalischer Gewalt, systematischer Repression und Verweigerung von Rechten. Es ist eine Rebellion, die von der Basis ausgeht, aus dem erstickenden Alltag, von denen, die nicht mehr im Schweigen überleben können und wollen.

Oben bewerten Regierungen und Mächte die Situation aus geopolitischer Sicht. Sie kalkulieren Vorteile, regionale Gleichgewichte, Energieversorgungswege und günstige Allianzen. Oben wird das Verbrechen normalisiert, gerechtfertigt oder unter dem Deckmantel von «Stabilität», «Sicherheit» oder «politischem Realismus» verschleiert. Oben zögern selbst diejenigen nicht, die sich als Feinde des iranischen Regimes präsentieren, das Massaker zu legitimieren, wenn es ihren Interessen dient.

Unten hingegen kämpft das iranische Volk ums Überleben: Unten gibt es Frauen, die sich täglich gegen die patriarchalische Kontrolle auflehnen. Unten gibt es die Arbeiterinnen und Arbeiter, die durch die neoliberale Politik verarmt sind. Unten gibt es sexuelle Dissident·innen, religiöse Minderheiten, unterdrückte Völker, diejenigen, die in Vororten leben, die von der Wasser-, Wohnungs- und Beschäftigungskrise betroffen sind. Unten sind diejenigen, die wiederholt auf die Strasse gegangen sind, oft mit leeren Händen, ohne grosse Organisationen – die durch Repressionen zerstört wurden – und die dennoch mehr erreicht haben als jede institutionelle Opposition.

Wir verurteilen entschieden die Manipulation dieser Demonstrationen von Aussen. Keine ausländische Macht, keine Regierung des Nordens, kein imperialistisches Projekt hat das Recht, das Leiden des iranischen Volkes als Schachfigur zu benutzen. Diese Instrumentalisierung verzerrt nicht nur die tatsächlichen Kämpfe, sondern gefährdet auch noch mehr diejenigen, die Widerstand leisten, indem sie zu einem Vorwand für noch brutalere Repressionen wird.

Wir bekräftigen das unveräusserliche Recht der Völker auf Selbstbestimmung. Freiheit lässt sich nicht exportieren und ist nicht zwischen Staaten verhandelbar. Keine imperialistische Intervention hat jemals den Völkern, die sie zu «befreien» vorgibt, Gerechtigkeit und Würde gebracht. Das lehrt uns die Geschichte, und die Ruinen, die sie hinterlassen hat, bestätigen dies immer wieder.

Es gibt Menschen, die von aussen nach oben schauen und nicht nach unten: Sie rechtfertigen das iranische Regime im Namen eines angeblichen Antiimperialismus und ignorieren dabei, dass dieses Regime seinem Volk Besatzung, Apartheid, Plünderung und Neoliberalismus auferlegt. Sie fördern reaktionäre, autoritäre und abhängige Alternativen, die Erlösung versprechen, aber gleichzeitig die Herrschaft reproduzieren. Das sind falsche Gegensätze: Die Oberschicht gegen die Oberschicht. Die Macht gegen die Macht. Unten ist das Volk gefangen zwischen zwei Kräften, die sich als Gegenspieler bezeichnen, aber gemeinsam handeln.

Unsere Position ist klar: Wir stehen nicht auf der Seite der Regierungen, wir stehen auf der Seite der Völker. Nicht auf der Seite der Staaten, sondern auf der Seite derjenigen, die Widerstand leisten. Nicht auf der Seite der Eliten, sondern auf der Seite derjenigen, die um ihr Leben kämpfen. Heute, da das iranische Volk mit Kommunikationsunterbrechungen, dem Ausnahmezustand und der Militarisierung des Alltags konfrontiert ist, rufen wir dazu auf, auf die Warnungen unserer compañeras und compañeros der Zapatisten zu hören: Der Sturm ist global; diejenigen, die glauben, dass er sie nicht betrifft, dass er sie nicht berührt, irren sich. Angesichts dieses Sturms gibt es weder Retter noch Lösungen von oben. Was es gibt, ist die dringende Notwendigkeit, die Kämpfe von Unten zu vereinen, uns im gemeinsamen Schicksal derer wiederzuerkennen, die sich gegen das Kapital, den Imperialismus und alle Formen der Herrschaft wehren. Wir reichen dem iranischen Volk die Hand. Nicht, um es zu bevormunden. Nicht, um in seinem Namen zu sprechen. Sondern um ihm zu sagen: Ihr seid nicht allein. Denn der Kampf im Iran ist auch der Kampf um das Leben überall sonst. Und weil wir, nur gemeinsam von unten ausgehend, dem Sturm begegnen und uns den Tag danach vorstellen können.

Von verschiedenen Orten des Widerstands und der Rebellion auf der ganzen Welt

[1] Diese vom EBF mitunterzeichnete Erklärung wurde Ende Januar 2026 von der «Zapatistischen Nationalen Befreiungsarmee» (EZLN) formuliert und an verschiedenste Widerstandsgruppen und Organisationen geschickt. Weltweit unterzeichneten bis Mitte Februar 170 Gruppen/ Organisationen sowie etliche Persönlichkeiten. Ihr findet den Aufruf sowie die vollständige Unterzeichner·innenliste über: «Für das Leben und die Würde des iranischen Volkes.» Um euch anzuschliessen, schreibt bitte an: declaracion.iran@gmail.com