Seit zehn Tagen teilen wir das Leben der Bewohner·innen eines palästinensischen Dorfes in der Region Ramallah. Wir wohnen bei Einheimischen und sind täglich mit ihnen in Kontakt. Dieser Bericht spiegelt daher unsere Erfahrungen und die Geschichten der Menschen um uns herum wider und ist nicht als allgemeine Analyse der Situation im besetzten Palästina gedacht.
Das Dorf, in dem wir wohnen, ist relativ ruhig. Die Menschen, die uns hier empfangen, sind sehr gastfreundlich und herzlich mit uns – auch die vielen Kinder und jungen Erwachsenen, die die Strassen bevölkern. Der Tagesablauf wird vom Gebetsgesang geprägt, der fünfmal täglich zwischen den Hügeln ertönt. Die Region Ramallah ist im Vergleich zum Rest des Westjordanlands eher privilegiert. Aufgrund der Präsenz der palästinensischen Autonomiebehörde und der NGOs gibt es mehr Arbeitsmöglichkeiten. Aber man muss es erst einmal bis dorthin schaffen ...
Seit dem fürchterlichen Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und der brutalen Reaktion Israels, die mehr als 46.000 Tote in Gaza forderte, hat die israelische Besatzungsarmee die Stadt immer häufiger blockiert, und die Barrieren sind wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die Besatzer schliessen und öffnen ihre 900 Kontrollpunkte im Westjordanland ohne erkennbare Logik, nach unbeständigen und zufälligen Zeitplänen, was das Reisen sehr kompliziert macht. Erinnern Sie sich an die absurden Ausgangssperren während der Pandemie? Die Palästinenser·innen leben ständig damit. Unser Freund und Gastgeber war diese Woche zweimal in Ramallah, beide Male musste er dort übernachten, weil die Strassen abends gesperrt waren. Die Student·innen bereiten sich darauf vor, ihre Prüfungen aufgrund der zu problematischen Reisebedingungen aus der Ferne abzulegen. Ein weiteres auffälliges Element in der Landschaft ist die Fülle an Plastikmüll. Dies ist nicht nur auf die Nachlässigkeit der Einheimischen zurückzuführen. Da die drei Abfallanlagen des Landes nur schwer zugänglich sind, sind die Gemeinden gezwungen, wilde Müllkippen einzurichten. Hinzu kommt, laut einem Bericht der Organisation Btselem[1], dass israelische Unternehmen und Siedlungen nicht zögern, ihre Abfälle – auch die giftigsten – in der Westbank zu deponieren, um den strengen Umweltvorschriften Israels zu entgehen.
Ständige Übergriffe
Die Dorfbewohner·innen, die nicht in Ramallah arbeiten können, leben von kleinen Geschäften und von der Hand in den Mund. Die Familien besitzen oft ein paar Terrassen mit Olivenbäumen oder ein Stück Land mit Obstbäumen. Trotz der scheinbaren Ruhe des Dorfes ist die nächste israelische Siedlung nur zwei Kilometer entfernt, aber ein weiteres Dorf trennt uns von ihr, auf das sich die Siedler·innen vorzugsweise konzentrieren. Eine der grössten Siedlungen in Palästina mit 30.000 Bewohner·innen ist nicht weit entfernt. Die Übergriffe auf die palästinensischen Dörfer erreichen uns durch Berichte von Verwandten unseres Gastgebers, die nicht weit entfernt leben, und über soziale Netzwerke. Im Nachbardorf haben Siedler·innen die Wasserquelle zerstört. Im Dorf daneben wurden Autos und Häuser niedergebrannt. Seit der Ankündigung des Waffenstillstands in Gaza hat es in der Region vermehrt Übergriffe gegeben, aber die Berichte, die wir hören, zeugen leider von der Selbstverständlichkeit dieser Art von Gewalt – seit Jahren. Ein Mann erzählt uns, dass er seine Bienenstöcke nicht mehr umstellen kann, weil sein übliches Gelände jetzt zu nahe an einer Siedlung liegt und es gefährlich ist, sich ihr zu nähern. Ein anderer kann aus dem gleichen Grund nicht mehr zu seinen Olivenbäumen gelangen: Die Siedler·innen könnten auf ihn schiessen, weil sie sich durch einen Bauern, der seine Oliven ernten kommt, «bedroht fühlen»...
Die Bewohner·innen der Siedlungen hingegen sind von den Verkehrseinschränkungen nicht betroffen, da sie Strassen benutzen, die nur für sie reserviert sind. Eine Welt der zwei Geschwindigkeiten...
Die israelische Militärpräsenz macht sich auch im Alltag bemerkbar. Vor einigen Tagen kamen israelische Soldaten, um in einem Nachbardorf Verhaftungen vorzunehmen. Hier sind sie nicht aufgetaucht, aber wir mussten zu Hause bleiben, bis wir wussten, dass die Strassen wieder sicher waren. Diese Art von Verhaftungen ist an der Tagesordnung, auch in der Zone A, in der wir uns befinden und die von der palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet werden soll. Das Gefängnis ist in den Gesprächen allgegenwärtig, fast jeder Mann, den wir treffen, hat dort einige Jahre seines Lebens verbracht. In Palästina kann man wegen eines einfachen Facebook-Posts gegen die Besatzung im Gefängnis landen.
Politische Diskussion
Politische Fragen sind in unserem Umfeld ein immer wiederkehrendes Gesprächsthema. Die palästinensische Autonomiebehörde wird verachtet, weil sie als korrupt und als Komplizin der Besatzer gilt. Sie schützt die Bevölkerung nicht vor der israelischen Gewalt und beteiligt sich aktiv an der Unterdrückung der Widerstandsbewegungen. Widerstand: So werden bewaffnete Bewegungen wie die Hamas und der Islamische Dschihad genannt, die offenbar anerkannt werden, auch bei unseren überzeugten atheistischen Freunden vor Ort. Wir haben im Laufe unserer Gespräche verstanden, dass der Islamische Dschihad keine Verbindung zum IS hat. Er beschränkt sich auf nationale Forderungen und sagt, dass er sich auf den politischen und bewaffneten Kampf konzentriert (im Gegensatz zur Hamas, die auch auf dem Gebiet der sozialen Fragen aktiv ist). Obwohl der Palästinensische Islamische Dschihad in Bezug auf Verhandlungen mit Israel radikaler ist, wird er von unseren Gastgeber·innen als toleranter in Bezug auf Sitten und Gebräuche angesehen. Diese Art von Debatte gehört zu den gängigen Diskussionsthemen.
Der Waffenstillstand in Gaza wird von den Menschen, die wir treffen, als Sieg des Widerstands angesehen, ein «Sieg», der zwei Tage später durch die Ankündigung der Besetzung des Flüchtlingslagers Jenin durch die israelische Armee getrübt wird, die offensichtlich die «Ruhe» in Gaza nutzte, um die Westbank besser besetzen zu können... Am selben Tag nahm der Druck in der gesamten Region zu, und der rechtsextreme israelische Finanzminister Bezalel Smotrich bestätigte, dass die «Sicherheit» (d. h. die Kontrolle) der Westbank zu den «Kriegszielen» hinzugefügt wurde.
Welche Zukunft erwartet unsere palästinensischen Freundinnen und Freunde? Ein Hirte erzählte uns gestern am Lagerfeuer, dass er nichts weiter bräuchte, als dass die Kolonisierung aufhört, um glücklich zu sein. Er hat das Gefühl, dass die israelische Regierung beabsichtigt, ihnen das Leben unerträglich zu machen, bis die Palästinenser·innen keine andere Wahl mehr hätten als zu gehen. Zwischen zwei Witzen über die Grosszügigkeit der Menschen hier entschuldigt er sich fast für seinen Pessimismus! Wie kann man angesichts der Widerstandsfähigkeit dieses Volkes, das in einer so unlösbaren Falle gefangen ist, nicht berührt sein? Sobald es versucht, Widerstand zu leisten, liefert die «Terrorismus»-Beschuldigung eine Rechtfertigung für die weitere israelische Kolonialisierung. Die letzten Jahre haben jedoch bedauerlicherweise gezeigt, dass sowohl friedliche Demonstrationen als auch internationale Verhandlungen gescheitert sind und nur zu einer stillen und exponentiellen Besetzung des palästinensischen Gebiets mit israelischen Siedler·innen geführt haben.
Julie, Bruno et Eli, Longo maï
1.http://www.btselem.org/publications/summaries/201712_made_in_israel