VENEZUELA: Ein Land wird erwürgt

de Damien Robert, 11 mars 2026, publié à Archipel 356

Wie wäre es, wenn wir aufhören würden, auf den Finger zu schauen, wenn man uns den Mond zeigt? Der Kampf der Ideen um Venezuela erreicht seinen Höhepunkt. Mir wurde immer beigebracht, dass hinter Ideen Fakten stehen. Viele dieser Fakten werden in dem, was wir über Venezuela lesen, sehen oder hören, bewusst ignoriert.

Uns wird immer wieder gesagt, dass Maduro ein «Verfechter des Sozialismus»sei, «der schiefgelaufen ist», «jemand, der das Ideal von Chávez verraten hat», «ein schlechter Manager», der sein Land ruiniert hat. Das ist die einfache Erklärung, um jede Debatte zu beenden. Aber es ist vor allem ein Vorwand, um eine viel brutalere Realität zu verbergen, die uns nie gezeigt wird. Kehren wir zunächst zu den Tatsachen zurück: Venezuela verfügt über die grössten Ölreserven der Welt. Unter Chávez (dem Präsidenten vor Maduro) finanzierte das Geld aus dem Ölgeschäft Schulen, das Gesundheitswesen und den Wohnungsbau. Maduro versuchte, diese Souveränität aufrechtzuerhalten. Aber für Washington ist es inakzeptabel, dass ein Land auf einem solchen Schatz sitzt, ohne dass sich die multinationalen Konzerne bedienen dürfen. Deshalb haben die Vereinigten Staaten, bevor sie Anfang Januar 2026 den Präsidenten entführten, einen totalen Wirtschaftskrieg gegen das venezolanische Volk geführt. Dieser Krieg dauert seit zehn Jahren an. Er ist der Hauptgrund für die Probleme. Folgendermassen führen die Vereinigten Staaten diesen Krieg: Zwischen 2014 und 2016 kam es zu einer Wende. Der Ölpreis brach weltweit ein (von 100 Dollar auf unter 30 Dollar). Das war eine Katastrophe für Venezuela, dessen Wirtschaft vom Öl abhängt. Anstatt das Land sich an die Krise anpassen zu lassen, beschlossen die Vereinigten Staaten, auf das am Boden liegende Venezuela einzuschlagen.

Ein Holdup der USA

In diesem Moment beginnt der Wirtschaftskrieg. Zunächst mit einem finanziellen Überfall. Bereits 2015 unterzeichnet Obama ein Dekret, das Venezuela vom globalen Bankensystem (SWIFT) abkoppelt. Ohne Zugang zu Devisen (Dollar, Euro) kann das Land nichts mehr importieren. Selbst wenn Geld für Impfstoffe oder Reis vorhanden ist, wagt keine Bank eine Überweisung aus Angst vor amerikanischen Strafen. Die Folge? Die Regale in den Geschäften leeren sich. Aber das ist nicht vom Himmel gefallen: Das Land wurde physisch daran gehindert, für seinen Konsum zu bezahlen. Dann ist es zum Überfall auf CITGO gekommen. Dabei handelt es sich um ein riesiges Unternehmen mit Sitz in den USA, das zu 100 Prozent der venezolanischen Regierung gehört. Es gehört also zu diesem Zeitpunkt zu 100 Prozent dem venezolanischen Volk über seine Regierung. Es handelt sich um ein gigantisches Unternehmen mit riesigen Raffinerien, (die venezolanisches Öl auf amerikanischem Boden verarbeiten), 48 Lagerterminals und 5000 Tankstellen. Alles befindet sich auf amerikanischem Boden. Für Venezuela ist es die einzige Quelle für Dollars, um das Leben des Landes zu finanzieren. Die US-Regierung stiehlt dieses Unternehmen 2019 von einem Tag auf den anderen und beginnt, es zu ihrem eigenen Vorteil zu betreiben. Sie hat buchstäblich die Geldbörse einer anderen Nation beschlagnahmt. Dieser Diebstahl führt zum Zusammenbruch des Bolivar (der Währung Venezuelas) und zur Hyperinflation. Stellen Sie sich vor, man würde Ihnen Ihr Gehalt wegnehmen und Sie dann als «schlechten Verwalter» bezeichnen, weil Sie keine Einkäufe mehr tätigen können. Danach ist die US-Regierung zu allgemeiner technischer Industriesabotage übergegangen. Oft wird der venezolanischen Regierung vorgeworfen, ihre Infrastruktur nicht instandgehalten zu haben. Tatsächlich ist die Realität jedoch viel perfider. Im Gegensatz zum flüssigen Öl aus dem Nahen Osten ist das Öl aus Venezuela «extra schwer»: Bei Raumtemperatur hat es die Konsistenz von Teer. Um das Öl durch die Pipelines zu transportieren, müssen ständig hochtechnologische chemische «Verdünnungsmittel» eingespritzt werden. Dabei handelt es sich nicht um gewöhnliche Produkte, sondern um massgeschneiderte Hightech-Formeln. Die gesamte venezolanische Industrie wurde speziell für dieses einzigartige Öl aufgebaut. (…) Und so verbietet Washington 2019 den Export dieser wichtigen Chemikalien. Das war keine einfache Sanktion, sondern physische Sabotage. Ohne diese Komponenten verfestigt sich das Öl sofort in den Rohren und verwandelt sie in unbrauchbare Betonrohre. Schlimmer noch: Ohne diese Produkte sind die venezolanischen Raffinerien nicht mehr in der Lage, Rohöl zu Benzin zu verarbeiten. Das Land sass plötzlich auf einem Meer von Öl, das es weder fördern noch raffinieren konnte, um es für seine eigene Bevölkerung zu nutzen. Nicht Maduro hat seine Industrie «vernachlässigt», sondern eine technologische Blockade hat ihre Aufrechterhaltung unmöglich gemacht. Dann ist die Piraterie dazu gekommen. Im Jahr 2020 entführen die USA die Tanker Bella und Luna, die Benzin für die venezolanische Bevölkerung transportieren, da das Land selbst kein Benzin mehr herstellen kann. Die US-Regierung stiehlt 1,1 Millionen Barrel Treibstoff, um sie zu ihrem eigenen Vorteil weiterzuverkaufen. Im Jahr 2024 beschlagnahmt dann die US-Regierung in Florida eine venezolanische Boeing 747-Frachtmaschine und zerlegt sie mit Schweissbrennern, wodurch sie dem Land ein wichtiges Mittel zum Import humanitärer Hilfe nimmt. Und im Dezember 2025 geht die US-Marine militärisch gegen die Schiffe Skipper und Centuries vor, um den Ölexport nach China zu blockieren. Die Botschaft ist klar: Der Energieexport wird verhindert und der Geldfluss gestoppt.

China springt ein

Die Folge: Millionen von Menschen gehen weg. 7 Millionen von 35 Millionen Menschen verlassen Venezuela. Diese Migration ist zunächst in erster Linie keine politische Entscheidung. Sie ist die Folge einer Blockade, welche die Stromversorgung und die medizinische Versorgung unterbrochen hat. Die Bevölkerung wird ausgehungert, damit die Gesellschaft zusammenbricht. Aber der Aderlass wird gestoppt. Denn die Chinesen haben sich eingemischt. Hier entscheidet sich alles. Historisch gesehen gingen 50 Prozent des venezolanischen Erdöls in die Vereinigten Staaten, da sie die einzigen Kunden waren, die bar bezahlten. Und als Washington 2019 seinen Markt schliesst, glaubt die US-Regierung, Venezuela ruinieren zu können. Aber China eilt massiv zu Hilfe. Es leiht nicht nur Geld (über 60 Milliarden Dollar im Laufe der Jahre). Es mobilisiert auch seine Ingenieure, um die sabotierte Infrastruktur wieder aufzubauen und US-amerikanische Teile durch chinesische Technologie zu ersetzen. China führt auch den Yuan (die chinesische Währung) für den Handel ein und löst damit einen historischen Umschwung gegenüber dem Dollar aus, um die Finanzblockade zu durchbrechen. Diese strategische Partnerschaft ermöglicht eine erste Erholung: Im Jahr 2025 kann Venezuela endlich seinen Niedergang stoppen und kehrt zu einem positiven Wirtschaftswachstum zurück. Heute gehen etwa 70 Prozent des venezolanischen Öls nach China. Für Peking ist dieses Öl lebenswichtig: Trotz seines Status als Weltmeister im Bereich der erneuerbaren Energien hat China einen immensen Bedarf an Rohöl für seine Schwerindustrie. Für Washington ist es unerträglich, dass der Rivale China seine Energieversorgung im selbst ernannten Einflussbereich der USA sichert. Dieser Krieg wird gegen das venezolanische Volk geführt. Aber auch gegen China. Ja, man kann Caracas kritisieren. Und diese Erklärung reicht nicht aus, um alles zu verstehen. Da sind wir uns einig. Aber kann man von «Bankrott» sprechen, wenn das mächtigste Imperium der Welt Ihre Konten sperrt, Ihre Einnahmen stiehlt, Ihre Ölquellen technisch sabotiert, Ihre Lebensmittel beschlagnahmt und schliesslich Ihren Präsidenten entführt, während sich Ihr Land allmählich wieder erholt? Im Jahr 2026 sieht das, was sich «Befreiung» nennt, jedenfalls wie internationales Banditentum aus, um den Petrodollar zu retten.

Damien Robert*

*Damien Robert ist ehemaliger Vorsitzender der belgischen Arbeiter_innenpartei in Liège und schreibt regelmässig zur Aktualität. Die Archipel-Redaktion hat sich entschlossen, diesen Text abzudrucken, weil er wertvolle Hintergrundinformationen liefert, möchte aber betonen, dass sie weder das Maduro-Regime noch die Einflussnahme Chinas verteidigt, ganz zu schweigen von der verbrecherischen US-Politik.

Das Kooperativen-Netz Cecosesola

Das EBF unterstützt seit vielen Jahren das Kooperativennetz Cecosesola im Nordwesten Venezuelas, das inzwischen seit 60 Jahren besteht. Die andauernde wirtschaftliche Krise, die – unter anderem – zur Verknappung von Lebensmitteln und Medikamenten in Venezuela geführt hat, hat auch weit reichende Auswirkungen, auch auf die Entwicklung von Cecosesola. Im Archipel berichteten wir immer wieder über diese Situation. Z.B im Archipel 345, April 2025: «Die von uns gewollte Welt aufbauen».

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