MAROKKO / SPANIEN: Ceuta – ein Appell von «No Name Kitchen»

von No Name Kitchen, 06.10.2026, Veröffentlicht in Archipel 362

Zehntausende von Menschen sind Anfang August schwimmend in Ceuta angekommen und haben dabei einen unglaublich beschwerlichen Transit hinter sich gebracht. Sie kommen mit Verletzungen, Quallenstichen, Hunger, Durst und unter Schock an. Das ist keine Invasion. Es ist eine verzweifelte Suche nach einer Zukunft.

«No Name Kitchen» ist seit 2021 in Ceuta im Einsatz. Wir kennen die Lage vor Ort, wir wissen, was vorhanden ist und was fehlt, und wir wissen, wie wir auf eine Weise helfen können, die inklusiv, würdevoll und diskret ist – ohne diese Krise zu instrumentalisieren oder eine Tragödie zum Spektakel zu machen. Wir verstärken unser Team mit weiteren Aktivist·innen vor Ort und benötigen Mittel für Lebensmittel und Grundbedarfsartikel (Socken, Unterwäsche, Schuhe), die wir dringend, effektiv und ohne Diskriminierung an die Schutzbedürftigsten verteilen werden. Hilf mit, wenn du kannst. Wenn nicht, teile diesen Beitrag. Du kannst dich auch melden, um Kleidung zu spenden oder vor Ort mitzuhelfen.

Es könnte alles Mögliche sein. Es könnte der neue «Grüne Marsch» sein. Das könnte ein Wutanfall des Königs von Marokko sein, weil Spanien Gas direkt in Algerien gekauft hat, ohne seine «Maut» in Rabat zu bezahlen. Es könnte daran liegen, dass das Finale der Weltmeisterschaft 2030 in Madrid stattfindet, oder vielleicht daran, dass Spanien den Nachkommen der Sahraouis die Staatsangehörigkeit gewährt. Es könnte das Gejammer von Netanjahu sein, weil Spanien seinen Völkermord verurteilt. Es könnte der Zorn von Trump sein, weil Spanien nicht genug Geld für die NATO ausgibt oder weil es sich weigert, seine Flugzeuge vor den Bombenangriffen auf den Iran auftanken zu lassen. Es könnte die «extremistische, marxistisch-kommunistische, bolivarische» Politik Spaniens sein, die beispiellose Migrationsströme ausgelöst hat. Es könnte das Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs sein, das tausende marokkanische Kinder zu «Interpreten» der in anderen Ländern gefassten Entscheidungen gemacht hat.[1] Es könnte auch daran liegen, dass mehr als eine halbe Million Menschen, die sich bereits in Spanien aufhalten, gerade ein Regularisierungsverfahren eingeleitet haben, und dass sich dieses Gerücht, diese Hoffnung, dieses «Wenn sie es geschafft haben, kann ich es auch schaffen», wie ein Lauffeuer verbreitet. Es ist sogar wahrscheinlich, dass grausame und sadistische Mafiagruppen Menschen ohne jegliche Skrupel ins Meer werfen und deren Verzweiflung ausnutzen. All das ist möglich. Und ehrlich gesagt spielt es keine Rolle, denn all das erklärt zwar die Situation – aber nichts davon löst sie.

Was heute mehr denn je zählt – wie immer – ist unsere Fähigkeit, Empathie für das Leid anderer zu zeigen. Im Jahr 2025 meldeten die offiziellen Zahlen fünfzig Tote an den Küsten von Ceuta. War das eine Schlagzeile bei CNN oder bei der BBC? Was wir heute erleben, ist kein Einzelfall: Es ist die Eskalation eines Phänomens, das schon lange geschlummert hat. Der Wunsch der Menschen nach einem besseren Leben ist nicht erst diese Woche entstanden, und keine Entscheidung, kein Zaun, keine schwimmende Barriere wird ihn aufhalten. Jeder, der diese Zeilen liest, weiss tief in seinem Inneren: Wäre er in Marokko geboren worden – nicht in einer wohlhabenden Familie mit Verbindungen zur Macht, sondern mit dunkler Haut, leeren Taschen und kaputten Zähnen – würde er auch verzweifelt versuchen, das Land zu verlassen. Das wissen wir alle, auch wenn es bequemer ist, über Gaspipelines und Kriminalität zu diskutieren. Wir sind seit 2021 in Ceuta, auf der Strasse, und kämpfen Tag für Tag. Wir schaffen geschützte Räume, wo es zuvor keine gab. Wir verstehen – einfach dadurch, dass wir da sind –, warum jemand fähig ist, sich auf einem löchrigen Schlauchboot ins Meer zu stürzen und dabei die Hand seiner Tochter festzuhalten – einer Tochter, die nicht einmal schwimmen kann.

Man muss kein geopolitischer Analyst und keine geopolitische Analystin sein, um das zu verstehen. Das sind wir nicht und geben auch nicht vor, es zu sein – dafür haben wir weder die Zeit noch die Energie. Was wir haben, ist die Kraft, weiterhin Wunden zu versorgen, Menschen zu umarmen, warme Mahlzeiten, warme Kleidung, Trinkwasser und einen würdigen Ort bereitzustellen, an dem die Menschen erzählen können, was ihnen widerfahren ist, und begleitet werden, wenn sie die Misshandlungen anprangern, denen sie weiterhin ausgesetzt sind. Alle, die versuchen, gegen grösste Widrigkeiten zu migrieren – ob diejenigen, die bei ihrer Ankunft weinen, oder diejenigen, die in die Kamera lächeln und das Victory-Zeichen machen – alle sind Held·innen. Punkt. Mohammed wird uns nicht aufhalten. Genauso wenig wie Donald, Benjamin, Abascal, «Perro Sánchez» oder sonst irgendjemand. Solange Menschen weiterhin offene Wunden und Angst in sich tragen, werden wir weiterhin da sein. Was wir brauchen, sind konkrete Mittel: Unterstützung zur Deckung der Kosten für Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Socken, Unterwäsche und Erste Hilfe sowie für Unterkunft, Materiallager, LKWs, Kraftstoff, Anwält·innen und Psycholog·innen.

Hier ist die Kampagne: www.donorbox.org/emergency-solidarity-with-ceuta

Das Team von No Name Kitchen*

*Das Europäische Bürger:innen Forum unterstützt «No Name Kitchen» seit mehreren Jahren finanziell. Für genauere Auskünfte könnt Ihr uns schreiben an: ch@forumcivique.org

1.Spaniens höchste Richter hatten im Vorfeld entschieden, dass Migrant·innen, die schwimmend spanisches Hoheitsgebiet erreichen, nicht ohne individuelle Prüfung der Fluchtgründe abgeschoben werden können. Laut spanischem Innenministerium ist dieses Urteil in Marokkos sozialen Netzwerken in einen Freifahrtschein für die Reise nach Europa uminterpretiert worden.