Diesen Februar hat Pınar Selek ihr neues Buch in Frankreich herausgegeben. Es ist die Ausarbeitung ihrer Aufzeichnungen mit Kurdinnen und Kurden im Jahr 1998, wegen derer sie als 28-Jährige für zwei Jahre ins Gefängnis kam.
Trotz der grausamen körperlichen und psychischen Folter gab sie die Namen der von ihr für ihre soziologische These interviewten Kurdinnen und Kurden nicht preis. Ihre gesamten Aufzeichnungen wurden damals beschlagnahmt und vernichtet. Dennoch hat sie es heute, nach 30 Jahren, geschafft, sich an deren Inhalt, zum Teil wortwörtlich zu erinnern und ihre Studie zu veröffentlichen. Pinar Seleks gerettete Forschungsarbeit schlägt ein neues Kapitel im Prozess gegen sie auf.
Der 5. Prozess gegen Pınar Selek geht nämlich weiter. Die 7. Verhandlung fand am 5. April 2026 in Istanbul statt. Mit der jüngsten Veröffentlichung von «Den Kopf heben – die verbotene Forschung zum kurdischen Widerstand»1 ist dieser Prozess in eine neue Phase getreten. Eine beachtliche Delegation von französischen Akedemiker·innen war beim Prozess anwesend, um zu bekräftigen, dass die Forschungsarbeit über die Situation der Kurdinnen und Kurden in der Türkei eine wissenschaftliche, von der französischen Universität anerkannte Arbeit ist. Dieses Manifest zur Verteidigung der Gedankenfreiheit wurde den Gerichtsakten beigefügt. Hinzu kam ein Schreiben der Direktorin der Forschungsabteilung «Migration und Gesellschaft», Florence Boyer, in welchem sie über die Veröffentlichung dieses Werks durch die Universität Paris Cité informiert. Sie war ebenso wie der Vizepräsident der Universität Paris Cité in Istanbul anwesend. Auch der Verband «France Universités» war in Istanbul vertreten. Alle in der Delegation anwesenden Akademiker·innen bekräftigten ihren Willen, diesen politischen Prozess gegen die Wissenschaft in einen Akt des Widerstands und der Verteidigung der Forschungsfreiheit weltweit zu verwandeln. Wie immer waren auch Vertreter·innen etlicher politischer und menschenrechtlicher Organisationen anwesend, genauso wie Schriftsteller·innen, Buchhändler·innen, Menschen aus Film und Theater, u.v.a.. Und natürlich wurden wir wieder von dem Solidaritätskomitee in Istanbul empfangen, die den Ablauf der zwei Tage rund um die Verhandlung liebevoll vorbereitet hatten. Diese dauerte 7 Minuten! Das erstaunte uns aber nicht weiter. Angesichts einer nach wie vor leeren Anklageschrift blieb der türkischen Justiz nichts anderes übrig, als ihr Urteil erneut zu vertagen, da ein Freispruch hier offensichtlich (noch) nicht in Frage kommt, was angesichts der politischen Situation in der Türkei und der Übermacht Erdogans nicht erstaunlich ist. Es wurden keine neuen Anklagepunkte vorgebracht, aber die wiederholte Forderung nach sofortiger Inhaftierung und der Anwesenheit von Pinar Selek bei der nächsten Verhandlung. Auch das wird bei jeder Verhandlung wiederholt. Die türkische Justiz ist vollkommen absurd. Trotz vier Freisprüchen und keiner begründeten Anklage halten die türkischen Behörden an ihrer Forderung nach einer Auslieferung von Pınar Selek fest. Ihre Verfolgung durch die Regierung Erdogan ist Teil eines Kontextes gewaltsamer Repression, die sich gegen alle richtet, die sich in der Türkei für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einsetzen. Dieser Prozess hat also auch eine grosse Symbolik. Zum Unterschied zu etlichen anderen aus politischen Gründen Inhaftierten, hat Pınar die französische Staatsbürgerschaft und eine starke Unterstützung aus renommierten Kreisen.
Die nächste Verhandlung findet am 18. September 2026 in Istanbul statt. Wir, die solidarischen Gruppen und Institutionen, werden jedenfalls wieder da sein und sie und ihre Forschung verteidigen, solange es nötig ist.
Constanze Warta
1.Siehe Absatz hier unten
«Lever la tête»
Das Buch «Lever la tête» – «Den Kopf heben» ist bisher nur auf Französisch erschienen. Es handelt sich um eine exzellent geschriebene Erzählung, in der Pinar Selek auf die soziologische Untersuchung zurückblickt, die sie in den 1990er Jahren in der Türkei zur kurdischen Bewegung durchgeführt hat. Diese Arbeit, die vor dem Hintergrund des Krieges zwischen der kurdischen PKK und dem türkischen Staat entstand, wurde ihr 1998 bei ihrer Verhaftung beschlagnahmt und anschliessend vernichtet. Inhaftiert, gefoltert und mehr als zwanzig Jahre lang von der türkischen Justiz verfolgt, erzählt Pinar Selek vom Verschwinden dieser Untersuchung aus ihrem Gedächtnis und ihrem jüngsten Wiederauftauchen – wie eine vergrabene Wunde, die wieder an die Oberfläche tritt. Es handelt sich nicht um eine blosse Rückblende auf eine schmerzhafte Vergangenheit, sondern um einen Akt des intellektuellen Widerstands und der Schöpfung. Mit diesem bisher unveröffentlichten Zeugnis über die Verfolgungen, denen sie ausgesetzt war, verfasst die international unterstützte Autorin ein Manifest zur Verteidigung der Gedankenfreiheit.
Herausgegeben von: Université Paris Cité Éditions, Collection Démêlés, 144 Seiten.



